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Didaktische Überlegungen

Didaktische Theorien und kompetenzorientierte Lehre

Ein didaktisches Konzept fasst Vorstellungen über das Lehren und Lernen zusammen und beruht auf Elementen der vielen didaktischen Schulen, welche Facetten epistemologischer Perspektiven auf den Lehr- und Lernprozess darstellen. Die mechanistischen Ansätze der informationstheoretisch-kybernetischen Didaktik modellieren ihn als einen regulierbaren Prozess, der bestimmten Gesetzen unterliegt. Die konstruktivistisch-systemtheoretische Didaktik betrachtet diesen Prozess als erschaffene, subjektive Wirklichkeit. Die kommunikative Didaktik rückt die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden in den Vordergrund.

Didaktische Konzepte stützen sich auf Modelle — und Modelle sind sowohl Abbildungen als auch Vereinfachungen der Realität. Die didaktischen Theorien bieten durch die epistemologischen Positionen gefärbte, verschiedene Zugänge zu der Frage an, wie Lehren und Lernen erfolgreich gestaltet werden können. In diesem Sinne scheint es nicht zweckmäßig, sich für eine Denkschule zu entscheiden, sondern sich bei der Gestaltung der Lehre von den verschiedenen Strömungen inspirieren zu lassen. In vielen didaktischen Werkzeugen finden sich Aspekte mehrerer dieser Strömungen wieder.

Wie erfolgreich die Lehre ist, lässt sich daran messen, wie viel gelernt wurde. Während das Wort Dozent (von lat. docere) ursprünglich auch Bedeutungen wie anweisen, unterweisen und (be-)lehren einschloss, passen diese Bezeichnungen heute nicht mehr zu der Vorstellung erfolgreicher Lehre. Angelehnt an John Dewey und seine Beschreibung von Lehren und Lernen im Buch How We Think: Lehren und Lernen verhalten sich zueinander wie Verkauf und Kauf; erfolgreiche Lehre verlangt erfolgreiches Lernen ebenso, wie ohne Käufer auch kein Verkauf zustandekommt — Lehren und Lernen sind zwei Seiten desselben Vorgangs. Der ausschließlich klassische Frontalunterricht ist vor dem Hintergrund heutiger Erkenntnisse über Lernprozesse nicht mehr zeitgemäß, zudem durch digitale Medien wie vorbereitete Videos auch substituierbar. Diese Veränderung rückt den Fokus auf ein interaktives und gemeinsames Lernen.

Lernen bedeutet nicht nur, sich Wissen isoliert anzueignen, sondern es erfolgreich in bestehende Konzepte zu integrieren und damit nutzbar zu machen. Dies erfordert oftmals, Bekanntes infrage zu stellen oder gar zu verwerfen. Erfolgreiche Lehre unterstützt diese Prozesse themenbezogen und fördert dabei ebenso die Fähigkeit zum selbstständigen Lernen. Ein chinesisches Sprichwort besagt: »Sage mir und ich vergesse; lehre mich und ich erinnere; beziehe mich ein und ich lerne.« Das Zitat wird oft Benjamin Franklin zugeschrieben, seine Herkunft ist aber unklar. In ähnlicher Form taucht die Aussage bereits im Buch Xunzi auf.

Zielführend ist die Frage, wie sich die lerntheoretischen Ideen in der Lehre operationalisieren lassen. Weil zwischen Lehr-, Lernzielen, deren Operationalisierung und Überprüfung leicht eine Lücke klaffen kann, wird vermehrt der Begriff der Lernergebnisse (Learning Outcomes) verwendet. Diese bezeichnen Aussagen darüber, was jemand nach Abschluss eines Lernprozesses weiß, versteht und tun kann, definiert durch Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen. Recommendation of the European Parliament and of the Council of 23 April 2008 on the establishment of a European Qualifications Framework for lifelong learning. In: Official Journal of the European Union C 111 (2008). Dieser Ansatz legt den Grundstein für eine kompetenzorientierte Lehre, d.h. eine Lehre, deren Erfolg sich anhand positiver Aussagen messen lässt, beispielsweise: »Nach Abschluss des Moduls können die Teilnehmer bewerten, ob eine lineare Regression für ein Vorhersagemodell infrage kommt, die Daten hierfür aufbereiten, die Regression umsetzen und die Ergebnisse evaluieren.«

Modellierung von Lernprozessen

Modelle können die Operationalisierung von Lehrstrategien unterstützen, indem sie Orientierung bieten, welche Elemente beim Lehr- und Lernprozess berücksichtigt werden müssen. Lernen kann als iterativer Prozess verstanden werden, dessen Durchlaufen zu aufeinander aufbauenden, neuen Erkenntnissen führt. Kolbs Lernzirkel ist ein Modell für diesen Prozess. Eine andere Perspektive betrachtet nicht den Prozess, sondern die Art der Erkenntnis: Blooms Lernzieltaxonomie definiert eine hierarchische Ordnung der Erkenntnisstufen.

Verschiedene Varianten von Blooms Taxonomie werden bei Wikipedia vorgestellt.

Für besonders schwierige Themen können auch Konzepte wie Progressive Disclosure verwendet werden, also die schrittweise Einführung von Komplexität: Man startet mit einem einfachen Modell und arbeitet sich vor. Letztlich können diese Ansätze nur Orientierung bieten, da der individuelle Lernerfolg unter anderem vom persönlichen Vorwissen und Vorlieben zu Unterrichtsstil, Mediennutzung und natürlich vom Interesse am Thema abhängt. Zu guter Letzt spiegelt sich gute Didaktik nicht nur in der Unterrichtsstruktur wider, sondern geschieht im vielfältigen Zusammenspiel von Lehrenden, Lernenden und dem Thema.

Digitale Lehre

Die Digitalisierung erfordert neue Konzepte in der Lehre. Sie ist dabei Werkzeug und Objekt zugleich: Zum einen eröffnet sie neue Möglichkeiten, Lehrinhalte aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen; dadurch verändert die Digitalisierung auch die Rolle der Lehrkräfte. Sie zeichnen sich weniger als reine Wissensträger aus, sondern treten zunehmend als Lernbegleiter auf, die den Lernenden Struktur geben und das kritische Denken unterstützen. Der Präsenzlehre kommt vermehrt die Funktion zu, die verschiedenen Lernkanäle zusammenzuführen, zu strukturieren und in den Unterricht zu integrieren. Die Corona-Pandemie wirkte für diese Transformation als Katalysator, weil der zeitweise Umstieg auf virtuelle Lehrformate eine Verschmelzung von digitalen Inhalten und der Präsenzlehre nahelegt (vgl. Blended Learning). Eine Herausforderung der digitalisierten Lehre besteht darin, die Inhalte so zu gestalten, dass sie zu Interaktion anregen, zwischen Lernenden untereinander, zwischen Lernenden und der Lehrkraft und zwischen Lernenden und dem Inhalt. Interaktion und Beteiligung erhöhen nachweislich den Lernerfolg sowie die Motivation und Zufriedenheit der Lernenden. Nilson, L. et al. (2021). Online teaching at its best: merging instructional design with teaching and learning research. 2. Auflage. Jossey-Bass.

Zum anderen ist die Digitalisierung Gegenstand der Lehre in dem Sinne, dass Lernende Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien erwerben sollen. Die digitalen Grundkompetenzen, die auch als Digital Literacy bezeichnet werden, sind für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unerlässlich. Seit einigen Jahren müssen diese durch AI Literacy ergänzt werden, um mit künstlicher Intelligenz und durch sie generierten Medien arbeiten und umgehen zu können. In der Wissenschaft ist Data Literacy von besonderer Bedeutung. Data Literacy wird als eine der Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts eingestuft. Knuth, T. (2021). Data Literacy und Strategien der datengetriebenen Wertschöpfung. In: Der Betriebswirt 62.2, S. 87–98. Ein anderer Begriff ist Computational Thinking, d.h. die Fähigkeit, Probleme so zu formulieren, dass sie berechenbare Lösungsansätze zulassen — dies beinhaltet unter anderem logisches Denken, Abstraktion und Automatisierung. Manche argumentieren sogar, dass Informatik eine weitere Säule moderner Wissenschaft bildet. Sentance, S. et al. (2018): Computer science education: perspectives on teaching and learning in school. Bloomsbury Academic.

Dem Medientheoretiker und Philosophen Marshall McLuhan zufolge sind Medien Verlängerungen des Körpers McLuhan, M. (1994). The Medium is the Message. MIT Press. — in diesem Sinne stellt sich die Frage, wie der virtuelle Kontakt zu den Lernenden bestmöglich umgesetzt werden kann, als Verlängerung der persönlichen Interaktion in der Vorlesung. Materialien sollten den fließenden Übergang zwischen Vorlesung und digitaler Einzel- oder Gruppenarbeit unterstützen wie das World Wide Web, welches sich durch Verknüpfungen und nichtlineare Strukturen auszeichnet. Vor diesem Hintergrund ist die Verwendung frei verfügbarer Materialien besonders interessant.

Resümee und Ausblick

Für erfolgreiche Lehre existiert kein Patentrezept, denn Lernen ist ein komplexes Phänomen, das im Zusammenspiel von Lernenden, Lehrenden und den Fachthemen entsteht. Die vorgestellten Modelle unterstützen, Unterrichtseinheiten an kognitiven Prozessen auszurichten. Lernen erfordert Umdenken und kostet Energie. Motivation und Spaß an Neuem sind wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.

Mit Lernkontrollen lässt sich prüfen, ob die Kompetenzen erlernt wurden. Falls Ziele bisher nicht erreicht wurden, müssen diese Inhalte im Rahmen der Wiederholung in der nächsten Vorlesung noch einmal aufgegriffen werden. Dabei spielt auch der Fortschritt im Lehrplan eine Rolle im Hinblick auf die Wahl der didaktischen Methoden bzw. der Medien. Oft genügt die Ergänzung des Vorlesungsinhalts um Medien, die im Anschluss zu Hause genutzt werden können (z.B. weitere Texte, erklärende Videos); dies erleichtert auch den Umgang mit heterogenen Wissensständen. Manchmal ist aber auch erforderlich, ein weiteres Beispiel zu bearbeiten oder ein Thema in der Vorlesung noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Zu guter Letzt durchlaufen auch Lehrkräfte einen ständigen und individuellen Entwicklungsprozess. Deshalb stellt jedes didaktische Konzept eine Momentaufnahme derzeitiger Lehre dar, die sich infolge neuer Erkenntnisse auch in Zukunft verändern wird.